Dienstag, 07. Februar 2012, 20:20
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Teil 2 / Fehlende Fakten zur Bonus-Kultur

Relax-Senf

Teil 2 /
Fehlende Fakten zur Bonus-Kultur



Zur Einstimmung aufs Thema weitere sechs Schlagzeilen (Titel 7 bis 12 von 18)

G) Managervergütung - Was die Krise aus den Boni macht
Financial Times Deutschland 13.05.2009
H) Eine absolute Schande" - Weltweite Wut auf Banker-Boni
sueddeutsche.de 22.07.2009
I) Boni-Debatte - Warum verdienen Banker so irre viel Geld?
FAZ.NET 01.08.2009
J) Boni und Banken dürfen das System nicht gefährden
6. September 2009, NZZ am Sonntag
K) «Wir haben die Boni stark reduziert – aber sind damit die Einzigen geblieben» - UBS-Präsident Kaspar Villiger im Interview.
23. August 2009, NZZ am Sonntag
L) Kommentar - Boni-Hysterie blendet die wichtigen Probleme aus
Welt Online 18.09.2009 

Ausserdem folgende Feststellung. Seit dem Posting vom ersten Teil habe ich in der Presse gelesen, dass in der Grundversicherung die freie Arztwahl in der Schweiz abgeschafft werden soll. Konnte bis jetzt absolut keine Reaktion aus dem Volk feststellen. Das irritiert mich, denn hierbei geht es um ganz grundlegende Rechte, die ausserdem mit Vertrauen und Wohlgefühl – untrennbar – verknüpft sind. Dagegen ist es mir nicht wert, die Wut- und Neiddebatte zu begleiten, wer wie viel Bonus bekommt und wie viel Bonus diese Leute eigentlich verdienen würden! Womit ich zurück beim Thema bin.    

Der Verhaltensprozess von „Bonus abgeben“ und gegengleich „Bonus erhalten“ ist eine seit Urzeiten akzeptierte und praktizierte Form der Anerkennung und Belohnung. Und dies auf der ganzen Welt seit Jahrtausenden angewendet und nicht erst seit die Globalisierung die Gemüter erregt oder begeistert, je nach persönlichem Blickwinkel. Alle Bonus-Kritiker praktizieren selber genau diesen Verhaltensstil, wenn sie mehr oder weniger erfreut über Anstrengungen und Verhaltensweisen sind,  die –mindestens teilweise - ihnen zuliebe vollzogen werden. Man belohnt die eigenen und fremde Kinder mit Guetzli, mit Geld und mit Versprechungen. Man belohnt Hunde mit Wurst und Streicheleinheiten für .... alles mögliche. Und ob Eheleute oder Lebensabschnitt-Partner, man belohnt sich gegenseitig  für Vieles.

All dies passiert ständig und ist dermassen „normal“ in unseren Alltag integriert, dass wir die ständige Praktizierung gar nicht wahrnehmen. Anders als bei den Bankern gibt es aber im Alltag schon seit es Bonus-Zuteilung gibt, auch die Form von Malus. Das Verweigern von Streicheleinheiten, das Entziehen von Zuneigung, das Zeigen von Nichtbeachtung, etc. Um nur mal die Wichtigsten Automatismen zu nennen, die in unseren Verhaltensweisen angelegt sind und die von uns im Alltag eingesetzt werden. Klar der Malus wird immer und schnell wahrgenommen. Im Gegenteil zum Bonus erhalten. Wird von Erwachsenen umgehend bestritten, höchstens im Umgang mit Kindern und Tieren zu einem Bruchteil akzeptiert. Sei es drum, es ist nicht meine Aufgabe hier Überzeugungsarbeit zu leisten. Tatsache ist einfach, dass Menschen empfänglich sind für eine nichtalltägliche Form der Belohnung.


„Das Erhalten bzw. Konsumieren von Bonus wiederum aktiviert Regionen im Stammhirn, welches Endorphine ausschüttet, Glücksgefühle hervorruft und zu mehr Leistung konditioniert.“ Quelle ICT In Finance Nr. 11 Feb. 2009


Es ist also weder Wunder noch per se verwerflich, wenn sich in der Finanzindustrie eine prägnante Bonus-Kultur entwickelt hat. Boni in der Finanzindustrie – soweit ich mich erinnern kann – werden zwar schon lange bezahlt, waren aber in der Schweiz betreffend Betragsgrösse und dem Kreis der Bonus-Berechtigten lange Zeit von eher untergeordneter Bedeutung. Die Zahlen im Geschäftsbericht und der Vergleich zu den Vorjahren, interessierte deshalb praktisch nur Finanzanalysten und „ richtige“ Wirtschaftsjournalisten. Ein Journalist der keine Bankbilanz lesen kann, sollte seine Berichterstattung über Banken auf die Architektur und den Stil der Inneneinrichtung beschränken. Da ist jede Meinung zugelassen, auch wenn man nichts von der Sache versteht.

Ohne wissenschaftliche Abklärung stelle ich an dieser Stelle die These auf, dass es zwei Hauptgründe gibt, warum die Bonusentwicklung in der Schweiz seit 15 Jahren so stürmisch und ungebremst verlaufen ist. Zum Einen war bei den Banken die notwendige Entwicklung hin zu Global Players auf dem Weltmarkt, eine ganz normale Entwicklung, lange bevor die Globalisierung andere Branchen erfasste. Zum Anderen wurde die Anpassung der Bonuskultur in der Schweiz an die Leistungsvorgaben und Honorierungsstrukturen von New York und London durch folgende Top Banker, in ihrer Opinion Leader Funktion, wesentlich mitgetragen. Rainer Gut, Oswald Grübel und Marcel Ospel.

Alle drei haben ihre Sporen in London und New York abverdient und wurden von der angelsächsischen Banking Kultur und der Banker Bonus Mentalität schon lange vorher geprägt und pekuniär verwöhnt, bevor sie in der Schweiz die Göttersitze auf dem Banking Olymp bestiegen haben. Gemeint sind die Herrschersitze für CEO’s und Chairman of the Board (VR-Präsident). Rainer Gut war in New York ein sehr erfolgreicher Investment Banker, bevor er 1977 als Retter der Schweizerischen Kreditanstalt in die Schweiz geholt wurde. Grübel war in London ein äusserst erfolgreicher Trader-Titan , war später Head Investment Banking bevor er Head Private Banking und später CS CEO wurde. Marcel Ospel war erfolgreich im Investment Banking für Merrill Lynch tätig und hat ausgeprägte Fighter Experience in diesem rauen Metier bewiesen, in dem nur die besten an die Spitze aufsteigen.

Erwähnt werden muss auch Lukas Mühlemann, EX-CEO CS, der zwar mit den anderen drei Herren nicht in einem Atemzug als Top Banker zu nennen ist, welcher aber als vormaliger CEO von McKinsey Schweiz, bestens mit der angelsächsischen Bonus Kompensation Philosophie vertraut und infiziert war und dies während seiner Zeit als CS CEO sicher nicht abgelegt hat. Brady Dougan wurde Nachfolger von Oswald Grübel als CS CEO. Dougan kommt aus dem Investment Banking und hat bis zu seiner Ernennung als Grübel-Nachfolger in New York gewirkt.

Last. but not least, Jo Ackermann, CEO der Deutschen Bank, konnte den Thron bei der Deutschen Bank besteigen und seither alle internen Machtkämpfe gewinnen, weil er vor der Ernennung zum CEO, Chef der Investment Banking Sparte der DB war und gegen diese seine Hausmacht, kann DB intern nicht regiert werden, weil im Investment Banking die grossen Gewinne verdient werden. Was allerdings mit den Exzessen im 2007 und 2008 auch zu einem Welt-Finanzmarkt-Debakel geführt hat, wobei ein Banken-Urknall nur mit Glück und mit dem Öffnen der Geldschleusen verhindert werden konnte. .

Investment Banking, ein Banking Begriff, den selbst viele Banker – inklusiv Kader – nicht so ohne weiteres überzeugend erklären können. Geschweige denn willkürlich befragte Personen an der Bahnhofstrasse! Wäre überrascht, wenn es zu einer Quote von drei brauchbaren Antworten von zehn Befragten kommen würde. Damit ich mich hier nicht verliere, nur eine kritische Feststellung. Funktionierendes Investment Banking ist absolut unverzichtbar damit die Volkswirtschaft ein lebender Organismus ist, d.h. in der Lage ist Arbeitsplätze anzubieten und von Investoren als „lebendiger und wachsender Körper“ wahrgenommen wird.

Lebendig heisst, es zirkuliert Blut und das Gehirn wird mit reichlich und gutem Sauerstoff versorgt. Das Blut steht „Geldströme die Anlagen suchen“ und Sauerstoff und Gehirn stehen „für ideenreiche und mutige Unternehmer und Investoren.“

Ja, ich rechne damit, dass es Leser gibt die mir hier heisse Luft unterstellen, weil doch die Banker und insbesondere die Investment Banker für den Beinahekollaps der Finanzmärkte verantwortlich sind. Wird von mir nicht in Abrede gestellt. Aber wie hätten Sie es denn gerne in der reichen und satten Schweiz? Wo Wohlstand und wirtschaftliche Selbstbestimmung schon so lange an der Tagesordnung sind. Wobei dadurch gerne vergessen wird, dass es in der Schweiz vor dem Bankenboom karge Zeiten gab und die Menschen vor dem Hunger flüchteten und mit der Hoffnung auf Brot, Arbeit und auf ein menschenwürdiges Dasein  in die USA auswanderten.

Es gibt immer noch viele Länder, wo es keine schrecklichen Banker-Boni gibt und das Investment Banking keine Gefahr darstellt. Zur Auswahl stehen z. B. Albanien – ist nicht so weit weg – aber auch Myanmar (Burma) kommt infrage, etc. Da wo die Volkswirtschaft mehr tot als lebendig ist, gibt es keine Spekulationen und damit keine Investment Banker. Damit keine Risken, ausser für die Leute die dort leben müssen und sich ständig mit der Überlebensfrage konfrontiert sehen, weil es dort wo es keine Scheiss-Investment-Banker gibt, es einfach auch echt Scheisse zum Leben ist. Was diesen Leuten erspart bleibt, ist das Bonusthema. Womit viel kostenlose Lebensqualität hergestellt wird, geht es doch allen gleich Scheisse. Wer wollte dieses Leben gegen krankmachende Bonusdiskussionen eintauschen.

Anstatt mit Bonus das Leben zu verschönern, macht die tägliche Korruption viel mehr Spass. Man kann sich daran beteiligen um zu dringend nötigen Medikamenten zu kommen oder man kann durch Korruption auch gewinnen, wenn man selber etwas anzubieten hat, was rar und somit gesucht ist. Korruption das Salz im täglichen Daseinskampf. Dagegen wirkt die Bonushysterie in der Schweiz, wie abgestandenes schales Bier.  

Fortsetzung folgt von Relax-Senf

16.02.2010, 02:41 von Relax-Senf | 803 Aufrufe
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Kommentare

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Relax-Senf 17.02.2010, 15:56

@ Karin: Journalisten sind oft aus sachlichen Gründen ein Ärgernis. Aber lassen wir das, weil es ja in jeder Berufsgruppe gute und andere gibt. An dieser Stelle geht es mir um die Moralfrage, die von den Journalisten und ihren Arbeitgebern als Gralshüter vertreten wird. Dies ist absolut Okay und in unserer Aller Interessen. Nur ist der Begriff Moral letztlich ein Begriff, der immer abhängig von eigenen Interessen und i m m e r in Verbindung, in Abhängigkeit, von Einnahmemöglichkeiten definiert wird. Und die Boulevard Presse gibt hier ein besonders schlechtes und leidiges Beispiel ab.

Wie ich lese hat der Schweizer Presserat den "Blick" für zwei Berichte kritisiert, die den Schutz der Privatsphäre der Personen im Artikel verletzten. Fies und verabscheuungswürdig finde ich den Vorfall, wo Blick-Leute ein Bild vom Grab des verstorbenen Kindes eines prominenten Schriftstellers abfotografiert, das Bild nachbearbeitet - also für eine geilere Aufmachung manipuliert haben - und anschliessend auf der Frontseite publiziert haben. Damit nicht genug. Anschliessend hat man das Bild zusätzlich kommerziell verwertet, d.h. an die deutsche Boulevardzeitung Bild verkauft.

Im zweiten Fall hat man aus dem Internet ein Bild einer "gefesselten und nackten Frau" publiziert. Wobei das Internet ja voll ist mit solchen Darstellungen und der Publikationswert zur Einnahmensteigerung darin bestand, dass die Person als Angestellte einer Gemeinde im Sozialbereich geouted wurde.

Ich habe grosse Mühe mit der allseits betriebenen Moralschelte, wenn es ohne grossen Aufwand möglich ist darzustellen, dass die gemeinsam beschworene Moral sicher immer nur auf ein populäres Schlagzeilenthema bezieht bei der gelebten Moral es aber so viele Varianten gibt, wie verschiedne Weine im Regal der Grossverteiler stehen.

Darum schreibe ich auch über Boni, weil man nicht alle Empfänger von Boni in einen "unmoralischen Topf" werfen kann. Würde Moral gelebt, müsste viel ändern und dies hin zm Besseren für die Gesellschaft. Die Banker-Boni-Geschichten wären dann aber nur ein Stein in der Lawine, die ausgelöst werden könnte.

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Karin 16.02.2010, 23:37

...Ein Journalist der keine Bankbilanz lesen kann, sollte seine Berichterstattung über Banken auf die Architektur und den Stil der Inneneinrichtung beschränken. Da ist jede Meinung zugelassen, auch wenn man nichts von der Sache versteht.

You made my day!

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