Eine interessante und auch außergewöhnliche Situation:
Die Chefin von ABB Schweiz, Jasmin Staiblin, bekommt ein Kind. Und sie will den gesetzlich erlaubten Mutterschaftsurlaub von sechzehn Wochen in Anspruch nehmen.
Die Weltwoche macht dies in ihrer Ausgabe 27/09 gleich doppelt zum Thema: Roger Köppel fragt im Editorial, ob dies „in Ordnung sei“ (ist es natürlich nicht), und René Lüchinger konstatiert in einem Kommentar „die nicht wahr genommene Führungsverantwortung“. Beide Journalisten setzen ihrer Argumentation zugrunde, dass einfach alles vom Chef abhängt. Von seiner Tüchtigkeit hängen die Arbeitsplätze ab (Köppel). Versagt der Chef, geht die Firma unter (Köppel). Er schreibt von den ungeschriebenen Gesetzen des Unternehmertums, denen sich auch Frauen unterwerfen müssten, was bedeutet, dass sich die ganze Person für den Erfolg der Firma hinzugeben hat.
Und Lüchinger stellt fest, dass 16 Wochen Ausstand „nicht gehen“. Für ihn bedeutet Topmanagement „Sechzig- oder Siebzig-Stunden-Wochen, Entbehrung und weitgehender Verzicht auf ein geregeltes Familienleben“. Dass zahlreiche Managerehen geschieden und Kinder von Top-Führungskräften ohne Vaterfiguren aufwachsen, ist unabwendbar und ein Indiz, dass alles der Verantwortung für die Firma untergeordnet wird. Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass der Arbeitgeber diese Hingabe mit dem fürstlichen Gehalt einkauft.
Der Kommentar endet mit dem Hinweis, dass die „ABB gut daran täte, einen Plan B in der Schublade zu haben“.
Und hier setzt denn auch mein Contra ein: Die beiden Journalisten benützen das Beispiel zum Versuch einer Grundsatzdiskussion in einer Frage, die erst einmal niemanden außer der ABB selbst etwas angeht. Davon auszugehen, dass sich die ABB keine Gedanken zu einem Plan B gemacht hat, ist einigermaßen selbstherrlich. Die Argumentationskette liest sich wie der Versuch, vorauseilend den Mythos der großartigen (männlichen) Manager zu verteidigen, wonach selbstverständlich das ganze Wohl des Unternehmens von einem Superhero, dem General abhängt. Und genau diesem Mythos entsprechen auch die exorbitanten Saläre, die solchen Personen, die in aller Regel Manager und nicht Unternehmer sind, bezahlt werden.
Persönlich ist mir einigermaßen unwohl, wenn ich mir vorstelle, dass die Novartis den Rhein runter treibt und womöglich ersäuft, wenn Daniel Vasella nicht an Bord ist. Auch und gerade der oberste Chef sollte seine Firma so organisieren – und seine Mitarbeiter so auswählen, dass jeder seine persönlichen Qualitäten einbringt, aber keiner unersetzbar ist. Ein Mutterschaftsurlaub ist zudem planbar (das Lösungsmodell für die Firma damit auch), ein Unfall oder eine Krankheit nicht. Und trotzdem gibt es auch dafür garantiert überall Schlachtpläne, wie ich schwer hoffe, um es auch etwas martialisch auszudrücken.
Der Friedhof ist voll von unersetzlichen Managern und Unternehmern, die alle ersetzt wurden. Zwangsläufig.
Diese Kritik will nur die Krux dieser alten und tief verankerten Denkweise offen legen. Persönlich kann ich gar nicht beurteilen, ob das bei der ABB versuchte Modell wirklich funktionieren wird. Interessant finde ich etwas anderes:
Die ABB scheint sich auf oberster Ebene ein Angestelltenmodell zuzutrauen, das Jobsharing und Familienleben mit einbezieht. Natürlich ist es möglich, dass sich Angestellte, wie es Lüchinger suggerieren will, sogleich in einem führungslosen Zustand sehen. Dass von der ABB ein Statthalter bestimmt ist (jaaah, selbst Frau Staiblin hat einen Chef, und dieser, Präsident Peter Smits, übernimmt vorübergehend), und der Zürcher Headhunter Björn Johannsson explizit meint, es wäre „alles nur eine Frage von „mindset“ und Organisation“, wird zwar erwähnt, aber es wird nicht darauf eingegangen. Dabei ist ja genau das die spannende Frage:
Was wäre, wenn die ABB Schweiz zu einem Modell würde, in dem alternative Führungsmodelle von oben eingeführt und breiter umgesetzt würden? Wenn Mitarbeiter, Frauen wie Männer, genau darin die Qualität ihrer Firma sähen, dass diese ihre Angestellten ernst nimmt, indem sie explizit auch deren gewonnene Qualitäten als Familien“manager“ fördern und dann auch nutzen will?
Was wäre, wenn Männer darin keinen Angriff mehr auf ihren Krieger-Mythos sähen – und die Frauen ernst damit machten, Loyalität zu Familie und Unternehmen praktisch umzusetzen. Wäre doch phantastisch, wenn sich beweisen ließe, dass jemand, der nur fünfzig Stunden pro Woche arbeitet, vielleicht mehr damit heraus holt, als jener, der siebzig Stunden malocht? Wie das gehen soll, hat mir bis jetzt sowieso niemand erklären können.
Wenn ich mir einen Siebzig-Stunden-Wochenjob beschreiben lasse, dann steckt darin sehr viel „Repräsentation“, allenfalls Reisen und ganz sicher Pflege einer Wichtigkeit, die man nur dann ernst nehmen kann, wenn man die Chance zum Ehemann und Familienvater verloren hat und seinen persönlichen Wert nur noch mit dem Ansehen in einer Welt gleich setzen kann, wie sie Lüchinger und Köppel beschwören.





Kommentare
Im Club SF DRS wurde heute Abend (21.07.2009) das Thema diskutiert. Roger Köppel war Gast und vertrat die These, dass sich Frauen, zwischen höherer Managementposition und Kinder auf die Welt stellen, entscheiden müssen. Eine abstruse Aussage, von der ich ableite, dass mit ihm als Herausgeber, die Weltwoche als Sprachrohr für eine hinterwäldlerische Familien- und Gesellschafts-Politik steht. Logischerweise gibt es Leser, die diese Sicht teilen, sonst würde R. Köppel seine Meinung für sich behalten.
Gesellschaft und Medien gehen heute locker mit den wachsenden Fraktionen von Atheisten, Lesben und Schwulen um. Persönlich habe auch ich kein Problem mit diesen Gruppen. Was mich jedoch irritiert ist der Umstand, dass es Minderheiten gibt, deren Lebenspräferenzen dank den Gesellschafts-Leitplanken Toleranz und sexueller Selbstbestimmung, von der Weltwoche nicht zum Sommerlochthema missbraucht werden würde.
Volltext >> Blog von-Relax-Senf
@von Relax
Ich weiss gar nicht, was Du hast: Köppel HAT Kernkompetenz. Zumindest bald. Seine frisch angetraute Frau soll schwanger sein...
Danke für den Zusatzaspekt: JA, leider ist es bestimmt noch so: Das Beispiel ABB dürfte Strahlwirkung haben, indem gruppenorientierte Männer und Frauen mit Kernkompetens in Social Life Balance (gibt es das, ich meine begrifflich?) noch so gerne da anheuern - und damit einen Mehrwert für die Firma schaffen. Ich schreibe "leider", weil zu wünschen wäre, dass diese Zustände normal würden.
Ich wünsche ABB Schweiz glänzende Ergebnisse - auf dass die Short List nicht wegen Restrukturierung zum Einsatz kommt, sondern verlängert werden darf, um die expansive leitende Personaldecke weiter erstklassig besetzen zu können.
Dieser herrliche Starteintrag im Blog „Herrschaft Wirtschaft“ verlockt spontan dazu, eine Portion Relax-Senf beizusteuern.
Das jährliche Sommerloch scheint die Hemmschwelle zu reduzieren, wie klein die Maus sein darf, um daraus einen Elefanten zu machen. Dass sich Journalisten vom Kaliber Roger Köppel und René Lüchinger dazu hergeben, sich mit einem Thema zu befassen, wo ihnen jede Kernkompetenz fehlt, wirkt auf den ersten Blick sehr irritierend. Es sei denn, der Beitrag ist als Anschauungsunterricht für die hauseigenen Journalisten gedacht. Motto: Hört auf übers Sommerloch zu jammern! Kreativ müsst ihr sein, dann könnt ihr mehr Geschichten darstellen, als wir – bei fehlenden Werbeeinnahmen – Papier zur Verfügung stellen können.
Thinkabout hat schon den zutreffenden Schlüsselsatz geschrieben. Mutterschaftsurlaub als gesetzlicher Anspruch, ist kein Thema für öffentliche Hinterfragung im Anno Christi 2009. Das ABB-interne Arrangement, dürfte den Vorzeigejournalisten – bei Datensicherheit – nicht vorliegen. Bleibt also der Laienversuch, ohne Fakten und ohne erkennbare Managementpraxis, Unausgegorenes zum geschaffenen Thema in die Medienwelt zu setzen.
Die Journalisten sitzen dem weit verbreiteten Irrtum auf, dass sich die Absenz eines CEO bereits kurzfristig bemerkbar machen muss. In vielen Firmen bemerkt man tatsächlich das Fehlen des Chefs in kürzester Zeit. Aus solchen Situationen lässt sich jedoch das Gegenteil von Führungsklasse ableiten. Es steht für Betriebe, wo der Chef nicht führt sondern von der eigenen Unersetzbarkeit überzeugt, weder Befugnisse noch Verantwortung abgibt. Es passiert nichts im Betrieb, bevor nicht jedes Stück Papier den Chefschreibtisch passiert hat. Auch der Spesenbeleg für die bewilligten Gipfeli zum working breakfast.
Vielleicht kann man so einen Zeitungskiosk führen, eine Redaktion mit einem oder auch zwei Duzend Redaktoren. Einen Weltkonzern, ja nicht mal ein KMU mit 200 bis 500 MA kann man so nicht führen. Gut organisierte Betriebe, verfügen über einen CEO der sich nicht mit dem operativen Alltag beschäftigt. Dazu braucht es kompetente und eigenverantwortliche Geschäftsleitungsmitglieder, welche in ihrem Geschäftsbereich über bessere oder zumindest ebenbürtige Kenntnisse wie der CEO verfügen. Wer als CEO Kopfnicker anstellt oder in seinen Hofstaat befördert, gehört - ohne Verknüpfung mit Schwangerschaft und Mutterschaftsurlaub – gefeuert.
Die Chefin von ABB Schweiz, Jasmin Staiblin, wird sicher vom Betriebsalltag und der Öffentlichkeit abgeschottet, ihren Mutterschaftsurlaub beziehen. Das heisst doch aber nicht, dass sie 16 Wochen von strategischen Fragen und Einflussnahme verschont bleiben wird. Aber muss man diese Selbstverständlichkeit kommunizieren? Nein. Die unterstellten GL-Mitglieder und Kader haben durch diese natürliche und zeitlich limitierte Absenz, eine sehr rare Chance, mit weiterem MEHREINSATZ, mehr Elan, mehr Verantwortungsstress und einem Hauch an mehr Entscheidungsspielraum zu zeigen, dass sie bereits heute zu recht ihre Position bekleiden und sich gleichzeitig in diesen 16 Wochen für die ABB-interne Shortlist qualifizieren, die aus welchen Gründen auch immer aus der Schublade geholt wird, wenn über Reorganisation und Neustrukturierung nachgedacht werden muss.
Der Mutterschaftsurlaub von Frau Staiblin beschert der ABB die bestmögliche Risk Management Übung, die man sich wünschen kann. Auch mit dem Restrisiko für Frau Staiblin, einer zeitlich aufgeschobenen Rochade im Management.
ABB wird durch den CEO-Mutterschaftsurlaub definitiv für karrieremotivierte Frauen zu einer ersten Adresse bei der Stellensuche. Was Frau Staiblin diesbezüglich bewirkt, könnte mit einer Millionen teueren Imagekampagne kaum erreicht werden, weil grosse Firmen ständig Imagekampagnen fahren, die nur heisse Marketingluft verströmen.
Die Herren Köppel und Lüchinger sind beim Managementverständnis dort stehen geblieben, was sie sich beim Lesen von Dagobert Duck angeeignet haben. Das genügt nicht mehr im 2009.
Zuviel der Ehre, lieber COO. Am Anfang gibt man sich ja doch noch am meisten Mühe, nicht wahr? Und im Vertrauen: Der Artikel ist auch in meiner eigenen Bloghütte erschienen, und in der beiz 2.0. Aber ich will hier nicht mit Links die Besucher weglocken. Sie sollen hier lesen können - zu Themen, für die sie - wie es ja durchaus scheint - auch herkommen.
Daneben steuere ich gerne Links zu anderen Entdeckungen bei, wobei ich mir noch ansehen muss, wie man das hier am besten per Blogtool macht.
Respekt: Dein Projekt ist ja zu einer richtig grossen Kiste geworden. Gutes Gelingen mit Befüllen. Helfe gerne ein wenig mit.
Den von mir besonders geschätzten Blogger Thinkabout, heisse ich auf der Com – Com – Com Plattform herzlich willkommen. Bereits sein erster Beitrag legt Zeugnis dafür ab, dass er ein Gewinn für die Community und das Competence Forum ist. Es lohnt sich Thinkabout Impulse zu lesen.
COO